Am 14. September 2022 hat der Rat der Stadt Datteln seinen Willen zum Ausdruck gebracht, der „CHARTA der Friedhofskultur“ beizutreten, am 03. Mai 2023 hat Dattelns Bürgermeister André Dora die Beitrittsurkunde unterschrieben. Mit diesem Schritt hat die Stadt Datteln ihre Friedhöfe zu Zeichen des immateriellen Kulturerbes der Friedhofskultur erhoben.
In Datteln finden sich fünf christliche und zwei jüdische Friedhöfe. Der Hauptfriedhof liegt nördlich der Innenstadt an der Amandusstraße, der Südfriedhof in Meckingoven und der Katholische Friedhof Horneburg liegen dicht beieinander, außerdem unterhält die Stadt zwei Friedhöfe im Ortsteil Ahsen, den alten Friedhof am Ortseingang, der nicht mehr belegt wird, und der neue Friedhof am Deipenwinkel. Jüdische Friedhöfe liegen in Datteln an der Düppelstraße und in Ahsen am Heidgartenweg.
In unserer Gesellschaft erfüllen Friedhöfe vielfältige, ja vielschichtige Aufgaben: sie haben einen historischen, sozialen, kulturellen, religiösen und ökologischen Wert. Als Orte der Erinnerung und Trauer, als soziale Begegnungsstätten und kulturelle Veranstaltungsorte, aber auch als Räume der Erholung und Ruhe haben sie für Menschen oftmals eine besondere Bedeutung.
Deshalb hat die Kultusministerkonferenz im März 2020 auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission die Aufnahme der Friedhofskultur in Deutschland in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Um diesem Beschluss Leben einzuhauchen, haben neun wichtige Institutionen und Verbände im deutschen Friedhofswesen am 18. November 2021 ein deutliches Zeichen für Erhalt und Weiterentwicklung der Friedhöfe gesetzt, als sie in Kassel gemeinsam die „CHARTA der Friedhofskultur“ unterzeichneten. Gleichzeitig wurden alle Städte und Gemeinden als verantwortliche Träger dieses Kulturguts dazu aufgerufen, der Charta beizutreten.
Die Städte und Gemeinden, die durch ihren Beitritt zur „Charta der Friedhofskultur“ öffentlichkeitswirksam erklären, die Bedeutsamkeit der Friedhöfe für die Gesellschaft hervorheben und sich für den Erhalt der Friedhofskultur einsetzen zu wollen, übernehmen die folgenden Selbstverpflichtungen:
• Sie unterschreiben die Leitsätze der „Charta der Friedhofskultur“ und fühlen sich ihnen verpflichtet.
• Sie bekennen sich klar zum Wert der Friedhöfe für unsere Gesellschaft.
• Sie treten sichtbar nach außen für die Friedhofskultur ein.
• Sie verstehen sich als gestaltender Teil des Immateriellen Kulturerbes „Friedhofskultur in Deutschland“.
• Sie unterstreichen die Bedeutung von Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung dieses Kulturgutes.
Am 3. Mai 2023 stellt Bürgermeister André Dora die Charta der Friedhofskultur vor: Das Bild zeigt von links: Nurdan Ergün, Ulrich Vortmann
(Vorsitzender Bildungs-, Sport- und Kulturausschuss), Peter Falk, Theodor Beckmann (Vorsitzender des Plattdeutschen Sprach- und Heimatvereins Datteln 1922 e. V.), Bürgermeister André Dora,
Gerhard Muthreich, VHS-Leiterin Rosemarie Schloßer und Heinz Dahlmann. (© Stadt Datteln)
Mit ihrer Unterschrift bekennt sich die Stadt Datteln zu den elf Leitsätzen der „Charta der Friedhofskultur“:
• Jeder Mensch hat das Recht auf eine würdevolle Bestattung auf dem Friedhof und auf ein anerkennendes Gedenken.
• Die Friedhofskultur in Deutschland ist ein unverzichtbarer Teil unseres gesellschaftlichen Lebens.
• Unsere gewachsenen Trauerrituale sichern in zeitgerechter Form den würdigen Abschied und helfen den Menschen, Tod und Trauer zu verarbeiten.
• Als Orte der Begegnung und des gemeinsamen Erinnerns sind Friedhöfe unersetzbare soziale Räume, die allen zugänglich sind.
• Friedhöfe sind identitätsstiftende Kulturräume und entfalten in unserer pluralistischen Gesellschaft große verbindende Kraft.
• Friedhöfe bieten Menschen wertvollen Raum, ihren Glauben zu leben und zu gestalten.
• Als Grünanlagen tragen Friedhöfe aktiv zum Klima- und Naturschutz bei und sind Orte der Biodiversität.
• Gräber als kleine Gärten der Erinnerung mit einem Gedenkstein zu gestalten, ist eine einzigartige Kulturform, die Wertschätzung gegenüber Verstorbenen ausdrückt und Trauer durch aktives Handeln unterstützt.
• Als sich selbst stets fortschreibende Geschichtsbücher sind Friedhöfe von hoher historischer Bedeutung und verdienen es, denkmalgerecht gepflegt zu werden.
• Grabstätten und Denkmäler für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sind tragende Säulen der Erinnerungskultur, die zum Frieden mahnen und zur Verständigung zwischen Nationen und Kulturen beitragen.
• Die Friedhofskultur in Deutschland als Immaterielles Kulturerbe im Sinne der UNESCO zu erhalten und sie an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten und weiterzuentwickeln, ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.
Luftbild des Dattelner Hauptfriedhofs 2023
Unsere Friedhöfe sind Orte des Abschieds und der Trauer.
Die Trauerrituale, die mit dem Abschied von einem Menschen verbunden sind, erweisen sich vor allem als starker Halt und helfen uns, die Unfassbarkeit des Todes zu verarbeiten. Sie haben sich über Jahrhunderte entwickelt und verändern sich stetig weiter. Den zentralen Handlungsrahmen bildet dabei jedoch weiterhin die Beisetzung auf dem Friedhof.
Grabstätte der katholischen Pfarrer
Unsere Friedhöfe sind Orte des Erinnerns und Gedenkens.
Hier bleibt das Andenken an die Vorfahren lebendig. Über den Tod hinaus halten die Namen der verstorbenen Angehörigen auf den Grabsteinen das Andenken an sie wach – manchmal über Jahrhunderte hinweg. Mit dem Gedenken verbunden sind das Niederlegen von Blumen, Gestecken und Kränzen oder das Aufschichten von Steinchen auf jüdischen Gräbern.
Unsere Friedhöfe sind kleine Gärten der Erinnerung.
Wir betten die Gräber unser Verstorbenen ein in Parklandschaften oder Waldungen und gestalten sie als kleine Gärten der Erinnerung. Die Gestaltung der Gräber erfolgt sehr individuell – kaum ein Grab gleicht dem anderen. Die Gestaltung wirft oft ein Schlaglicht auf das Leben oder den sozialen Status der Verstorbenen. Viele Grabstätten werden von den Angehörigen selbst gestaltet und gepflegt. Die saisonale Bepflanzung – ob als Familienaktion oder aus Gärtnerhand – hat hierzulande eine lange Tradition.
Unsere Friedhöfe sind Orte der Ruhe und Besinnung.
Hier kann man sich eine Auszeit von der Hektik des Alltagslebens nehmen und Stille genießen. Vor allem in den Städten sind diese Kulturräume Naherholungsgebiete, die zum Spazierengehen oder Verweilen im Grünen einladen. Die Ruhe, die man auf dem Friedhof findet, regt zum inneren Diskurs an und befördert die geistige Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Menschseins.
Unsere Friedhöfe sind Orte der Begegnung insbesondere von Seniorinnen und Senioren.
Der Tod hinterlässt viele ältere Menschen alleinstehend. Für sie erweist sich der Friedhof als Treffpunkt mit Gleichaltrigen und vom gleichen Schicksal Betroffener, als Sozialraum, der ihrer Vereinsamung entgegenwirkt. Friedhöfe sind wichtige Orte, an denen sie Sozialkontakte pflegen. Nicht selten lernen sie hier Menschen kennen; es entstehen neue Freund- und Partnerschaften.
Unsere Friedhöfe sind wichtige Grünflächen in unseren Städten.
Friedhöfe tragen wesentlich zum Klima- und Naturschutz bei. Nicht nur, dass sie mit ihrem Baumbestand als grüne Lungen aktiv die Luft verbessern, sie fungieren auch als Lüftungsschneisen, die im Sommer die Stadterwärmung mindern. Die unversiegelten Flächen helfen, den Grundwasserspiegel hoch zu halten. Zugleich bieten die von einem großen Pflanzenreichtum geprägten Friedhöfe vielen Tierarten einen ruhigen Lebens- und Rückzugsraum. Zu den vielen Tierarten, die sich zwischen den Gräbern wohl fühlen, zählen auch Eichhörnchen oder Igel. Und die unterschiedlichsten Vogel- und Insektenarten finden hier ideale Lebensbedingungen. Denn viele Friedhöfe wandeln sich zu Orten der Nachhaltigkeit, die von den Betreibern ressourcenschonend und zukunftsorientiert bewirtschaftet werden. Vereinzelt finden sich auf den stark zunehmenden Überhangflächen bereits insektenfreundliche Blühstreifen oder Blühwiesen.
Unsere Friedhöfe sind ein großer Skulpturenpark.
Nirgendwo sonst findet man ein so breites Spektrum an Figuren, Reliefs oder Stelen wie auf den Gräbern unserer Vorfahren. In der Gestaltung der Grabsteine zeigt sich eine sehr lebendige Ausdrucksform unserer Friedhofskultur, die sich stetig weiterentwickelt, z.B. durch die Verwendung bislang unüblicher Materialien wie Glas und Edelstahl.
In Gedenken an die Märzgefallenen des Jahres 1920
In Gedenken an die 1945
bei Bombenangriffen umgekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen
In Gedenken an die verunglückten Bergleute der Zeche Emscher-Lippe
Unsere Friedhöfe sind ein lebendiges Geschichtsbuch.
Was im Großen für die Gesellschaft als Ganzes gilt, hat auch im Kleinen für jeden Einzelnen Bestand: Viele Menschen können auf den Friedhöfen ihrer Heimatstädte die eigene Lebenslinie nachzeichnen. Die Grabstätten benachbarter oder befreundeter Familien wecken Erinnerungen an Lebensphasen und die eigene Entwicklung.
Nicht zuletzt sind unsere Friedhöfe ein leiser Aufschrei gegen die Schrecken des Krieges.
Die Gräber der Toten der Weltkriege mahnen zu Frieden und Völkerverständigung. Diese Grabreihen und die Ehrenmäler für die Getöteten, Verfolgten und Unterdrückten der großen Weltkriege berühren die meisten von uns zutiefst. Sie veranschaulichen den todbringenden Irrsinn von Kriegen nachdrücklich und mahnen uns so in besonderem Maße zum Frieden.
Haupterschließungsweg des 1910 eröffneten Dattelner Hauptfriedhofs,
mit dem 6 Meter großen Hochkreuz des Dattelner Bildhauers August Elfert
All das zeigt, dass unsere Friedhofskultur aus unserem Lebensumfeld, aus unseren Gemeinden und Städten nicht wegzudenken ist. Sie ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft und damit auch der nationalen Identität. Ihre Schutzwürdigkeit hat die Bundesrepublik Deutschland März 2020 mit der Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes anerkannt. Durch ihren Beitritt zur „Charta der Friedhofskultur“ hat die Stadt Datteln öffentlichkeitswirksam erklärt, die Bedeutsamkeit der Friedhöfe für die Gesellschaft hervorheben und sich für den Erhalt der Friedhofskultur einsetzen zu wollen.